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>> Immer up to date: Moderne Kommunikation – Fluch oder Segen ?
Von Susanne Dingerdissen

Das besondere Weihnachtsgeschenk: Stille Nacht ohne Rundmails! / Kurz die Welt retten – und dafür Mails checken? / Chat im Netz – statt Ratsch im Flur? / Fremde oder Freunde – und das für immer? / Spitzel im Schatten: Wer liest mit? / Klasse statt Masse / Stresskrank nach 24-Stunden-Standby / Wann wird's mal wieder richtig Sabbath? / Chefs ziehen die Bremse: Für Erfolg und Gesundheit / Der größte Luxus: Ich bin dann mal weg! / Der ultimative Tipp /

Als ich vor einigen Wochen begann, zu der Frage zu recherchieren, ob unsere modernen Kommunikationsgewohnheiten, der dauerhafte Informationsfluss und die ständige Erreichbarkeit sich wirklich als eine rundum positive Errungenschaft des Internetzeitalters erwiesen haben, habe ich rasch feststellen müssen: Dieses Thema bewegt aktuell sehr viele Menschen. Nahezu täglich stieß ich auf neue Veröffentlichungen. Nachdem wir alle in den vergangenen Jahren große Energie darauf verwendet haben, uns so emsig zu verknüpfen und vernetzen, dass kein einziger Kontakt die Chance hat, uns wieder durch die Lappen zu gehen, scheint sich nun eine deutliche Trendwende anzukündigen. Immer mehr Menschen wissen die Flut der täglichen Informationen nicht mehr zu bewältigen. Das "Immer-am-Ball"-Sein verliert an Reiz. Es wächst eine neue Sehnsucht nach einem echten "Feierabend". So ist es wohl an der Zeit, zu erkennen, dass allein das technische Know-how nicht ausreicht, um sich im Dschungel der modernen Kommunikation nicht zu verlieren. Vielmehr garantiert nur ein verantwortungsvoller Umgang mit den "unbegrenzten Möglichkeiten", dass sie uns mehr Nutzen als Schaden bescheren.

Das besondere Weihnachtsgeschenk: Stille Nacht ohne Rundmails!

Pünktlich zum ersten Advent sorgte der Chef des Konzerns Henkel mit einer ungewöhnlichen Idee für Schlagzeilen. Kasper Rorsted verkündete der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, er werde seinen 48.00 Mitarbeitern in diesem Jahr ein E-Mail-freies Jahresende schenken. Im Klartext heißt das: "Zwischen Weihnachten und Neujahr haben wir eine Pause verordnet!" Für alle Mitarbeiter gilt die Ansage, in dieser Zeit nur im Notfall eine Mail zu verschicken.

Wer in Rorsted angesichts dieser Ankündigung einen der unangenehmen Nachfahren des legendären geizigen Ebenezer Scrooge aus Charles Dickens berühmter Weihnachtsgeschichte sieht, der sich nur "echte" Geschenke sparen will, irrt gewaltig. Stattdessen zeigt dieser Chef nicht nur ein Herz für seine Mitarbeiter, sondern auch Verstand und Weitsicht. Nicht umsonst verordnen zahlreiche amerikanische Unternehmen ihren Mitarbeitern schon längst den "Email free Friday".

Sie haben erkannt, dass die ständige Erreichbarkeit nicht nur die Produktivität und Kreativität ihrer Mitarbeiter lähmen kann, sondern viele Menschen regelrecht krank macht – und beginnen daher, ihr Kommunikationsverhalten gezielt zu verändern.

Kurz die Welt retten – und dafür Mails checken?

Hierzulande ist es Tim Bendzko mit seinem Hit "Nur noch kurz die Welt retten" gelungen, den Zeitgeist treffend zu beschreiben. Diesen Ohrwurm wird man nur schwer wieder los, und je häufiger man den Refrain hört, umso treffender scheint er so viele Menschen zu beschreiben, die täglich unser Leben kreuzen – und dabei nicht gestört werden wollen!

"Muss nur noch kurz die Welt retten, danach flieg ich zu dir. Noch 148 Mails checken, wer weiß, was mir dann noch passiert, denn es passiert so viel. Muss nur noch kurz die Welt retten und gleich danach bin ich wieder bei dir."

Versucht man, das dort beschriebene Selbstverständnis einem Realitätscheck zu unterziehen, entdeckt man folgendes Bild: 53 Jahre nach der ersten Nutzung eines Autotelefons in Deutschland und rund 40 Jahre, nachdem die erste E-Mail verschickt worden ist, hat sich unsere Welt spürbar verändert. Nicht nur in überfüllten Fußgängerzonen, an Haltestellen und vor Bars oder Diskotheken, sondern selbst auf einsamen Berggipfeln und an idyllischen Stränden sprechen oder tippen immer mehr Menschen lieber in ihre Handys, Laptops, Iphones oder Ipads, als miteinander zu reden. Im Wartebereich der Flughäfen oder dem Zugabteil sind amüsante Begegnungen oder interessante Gespräche inzwischen Mangelware.

Fast müsste man befürchten, jemanden zu erschrecken, wenn man den Banknachbarn ansprechen würde. Jeder tippt, klickt und morst, vermeintlich hoch konzentriert, in seiner eigenen Elektronik herum. Obwohl ich eine Wette eingehen würde, dass nur ein Bruchteil dieser Aktivitäten in genau dieser Zeit zwingend notwendig ist. Wie sonst ließe sich erklären, dass viele private und geschäftliche Bekannte sich gerade von diesen Orten so oft ohne jeden Anlass "mal wieder melden"?

Chat im Netz – statt Ratsch im Flur?

Wer einsam ist, hat vermutlich größere Chancen, seinen Wohnungsnachbarn über ein Kontaktportal kennen zu lernen als bei einer Begegnung im gemeinsamen Hausflur. Ob sich allerdings nach dem virtuellen Kontakt dann zwangsläufig auch eine Bekanntschaft im realen Leben einstellen würde, bleibt die große Frage. Es "kommuniziert" sich nämlich offensichtlich so viel leichter vor einer Mattscheibe als in unmittelbarer Frontansicht eines menschlichen Gesichts. Wie sonst ließe sich erklären, dass Millionen junger Menschen in sozialen Netzwerken wie Facebook nahezu ihre gesamten täglichen Erlebnisse miteinander teilen – und nur ein Bruchteil von ihnen auch die persönliche Begegnung sucht?

Fremde oder Freunde – und das für immer?

Eine romantische Liebesbeziehung als Folge einer verirrten E-Mail, wie Daniel Glattauer sie in seinem populären Roman "Gut gegen Nordwind" so kurzweilig beschreibt (einer unserer Buchtipps des Jahres für Sie), findet sich in der Realität unseres elektronisch dominierten Alltags sicher nur selten. Hier tummelt sich stattdessen eine ständig wachsende Masse von "Kontakten". Jeder, dessen Bekanntschaft man nicht unumwunden ablehnt, wird per Mausklick zum "Freund" ernannt. Ob es sich in Wahrheit um einen Geschäftspartner, die Blumenfrau vom Markt, den Lehrer unserer Kinder oder eine Klassenkameradin handelt, die man schon zu Schulzeiten nicht leiden konnte, ist in diesem System ohne den geringsten Belang.

Wer je mein Leben kreuzte und sich anschließend mit der perfiden Absicht auf den Weg machte, mein elektronisches Ich im weltweiten Netz aufzustöbern, wird eines Tages an meine virtuelle Tür klopfen und die entscheidende Frage stellen: "Fremde oder Freunde"? Und dann wird es entweder peinlich, schwierig oder unübersichtlich. Wer eine virtuelle Freundschaft ablehnt, kommt in Erklärungsnot, wer sie annimmt, gibt in vielen Fällen ein öffentliches Sympathie- und Vertrauensbekenntnis für Personen ab, die er im Grunde gar nicht kennt oder mag. Ein scheußliches System!

Spitzel im Schatten: Wer liest mit?

So rasend schnell und verblüffend einfach die Kommunikation dank der sozialen Netzwerke geworden ist, so spannend es zunächst erscheint, sich mit Menschen in aller Welt zu jeder Zeit über alle erdenklichen Themen austauschen zu können, so offenbart der elektronische Chat doch auch eine sehr dunkle Seite. Die vielen Gefahren virtueller Kommunikation sind ein Thema, das gerade die Eltern der "Internet-affinen Jugend" intensiv beschäftigt und belastet.

Wie häufig schon glaubten Jugendliche, sich gegenseitig ihr Herz zu öffnen, während sie kriminellen Erwachsenen Zugang zu ihrer Gedankenwelt gestattet haben. Zu den Zeiten, als es noch ein Telefon pro Haushalt gab und das an so prominenter Stelle installiert wurde, dass die ganze Familie genau wusste, wer wann mit wem sprach, war diese Gefahr in jedem Fall deutlich geringer. Und auch wenn wir uns angesichts der Rückbesinnung auf einige offensichtliche Vorteile früherer Zeiten als fortschrittsimmune Steinzeitmenschen beschimpfen lassen müssen, bedaure ich die Jugend trotzdem dafür, dass sie nie erleben wird, wie spannend es ist, die besten Freunde nach sechs langen Sommerferienwochen wiederzutreffen und zu erzählen und erzählen und erzählen...

Heute sind die Fotos vom Strandspaziergang, der Freiheitsstatue oder der Warteschlange vor Abercrombie in London spätestens am Abend des gleichen Tages für alle "Freunde" in optimaler Auflösung "gepostet" – und die potentiellen Einbrecher machen sich freudig auf den Weg zu unserer verlassenen "homebase".

Nach einer Meldung des Berliner Kuriers rangieren die Angaben über den aktuellen eigenen Aufenthaltsort, die auf sozialen Netzwerken veröffentlicht werden, an dritter Stelle der häufigsten Fehler, von denen Einbrecher gezielt profitieren. Getoppt werden sie nur von offen stehenden Fenstern und Hausschlüsseln unter der Fußmatte. So sehen Versicherungsunternehmen sich angeblich jetzt sogar veranlasst, zu prüfen, ob man Einbruchsopfern, die im Netz über ihre Abwesenheit von daheim "geplaudert" haben, eine Verletzung der Sorgfaltspflicht vorwerfen kann.

Klasse statt Masse

Wer sich in sozialen Netzwerken bewegt, sollte die Regeln kennen. Nicht nur, um sein Haus, sondern auch seine Privatsphäre vor unerwünschten Eindringlingen zu schützen. Und wer das Gegenargument bringt, rege Aktivitäten in sozialen Netzwerken seien unvermeidlich für jene, die es in der modernen Welt zu etwas bringen wollen, könnte sich für die jüngsten Erkenntnisse der Fachleute interessieren. So hat der Autor zahlreicher einschlägiger Bücher mit Titeln wie: "Wie man aus Fremden Freunde macht" oder "Strategie des richtigen Netzwerk-Aufbaus", der "Netzwerk"-Experte Alexander Wolf, Medienberichten zufolge 100 Politiker, Unternehmer, Manager und Diplomaten im Herbst 2011 über ihren beruflichen Beziehungsaufbau befragt.

Das spannende Ergebnis: "Fünf persönliche Kontakte wiegen noch immer mehr als 100 Facebook-Freunde"! Wolf bestätigte zwar, dass sich nirgends so einfach ein erster Kontakt herstellen lasse wie in einem sozialen Netzwerk, konnte aber berichten, dass sich nur in den seltensten Fällen daraus auch eine persönliche Beziehung entwickeln würde. 61 Prozent der Befragten gaben an, dass die direkte, persönliche Kommunikation noch immer den einzig wahren Weg zum Erfolg darstelle.

Stresskrank nach 24-Stunden-Standby

Wer sich diese Erkenntnisse durch den Kopf gehen lässt, ist vielleicht auch in der Lage, in seinem eigenen Kommunikationsverhalten eine Kurskorrektur vorzunehmen. Langfristig werden die ständige Erreichbarkeit und der ungebrochene Fluss des gewaltigen Informationsstroms die meisten von uns so überfordern, dass wir gezwungen sein könnten, ihnen gezielt Einhalt zu gebieten. Die Zahl der "Stresskranken" ist bereits heute beeindruckend und wächst täglich. 88 Prozent der Berufstätigen sind nach einer Umfrage des High-Tech-Verbandes Bitcom ständig auf Standby.

Für 41 Prozent der Beschäftigten ist es nach einer Umfrage der Deutschen Presse Agentur sogar üblich, im Urlaub für dienstliche Fragen erreichbar zu sein. Die Kehrseite der Medaille: Jährlich wächst die Zahl der Arbeitnehmer, die wegen psychischer und körperlicher Überlastung krankgeschrieben werden müssen. Einer Studie der Berufskrankenkassen zufolge leidet jeder Zehnte heute bereits an Schlafproblemen. Jeder Fünfte geht kurz vor dem Schlafengehen noch beruflichen Tätigkeiten nach und überprüft in jedem Fall am Ende des Tages zumindest regelmäßig seine beruflichen und privaten E-Mails und SMS.

Wann wird's mal wieder richtig Sabbath?

In einem Interview der "Wirtschaftswoche" erläutert der Soziologe Hartmut Rosa von der Friedrich-Schiller-Universität in Jena das Sysiphus-Phänomen ständiger Kommunikation: "Jede Nachricht setzt uns auf ihre eigene Weise unter Stress, weil sie Entscheidungen verlangt. Und während wir eine Nachricht verarbeiten, sind schon wieder drei neue eingetrudelt." Eine interessante Offensive für ein gesünderes und erfüllteres Leben bietet die Gruppe "Sabbath Manifesto", die jüdische Künstler in dem Bestreben gegründet haben, einen Tag pro Woche komplett auf elektronische Kommunikation zu verzichten.

Ohne Internet, Telefon, Fernsehen oder Musik versuchen sie so einen kleinen Teil ihres Lebens wieder der eigenen Phantasie und Kreativität zu überantworten (www.sabbathmanifesto.org). Auch der IBM-Projektmanager Ralph Demuth berichtet der Wirtschaftswoche freimütig: "E-Mails haben die Grenze einer sinnvollen Nutzung erreicht." Er hat den Mailverkehr massiv beschränkt und kann heute eine Qualitätsverbesserung der täglichen Arbeit feststellen. (Wirtschaftswoche: "Wann Firmen ihren Mitarbeitern Feierabend gewähren", 19.09.2010)

Unternehmen ziehen die Bremse: Für Erfolg und Gesundheit

Viele Menschen aber sind selbst nicht in der Lage, die Gefahr, sich persönlich zu überfordern, gezielt zu bannen. Dazu erklärt Professor Rosa, dass viele Menschen Angst davor haben, von Entscheidungsprozessen abgeschnitten zu sein, und trifft im Interview der Wirtschaftswoche außerdem die bemerkenswerte Aussage: "Es reicht nicht mehr, irgendwelche Spuren in der Welt zu hinterlassen. Wir wollen diese Spuren auch permanent beobachten, um festzustellen: Bin ich noch gefragt?."

Detlev Nutzinger, Professor für Psychosomatik an der Universität Lübeck, sagt dazu in einem Interview der Welt online: "Ein Grundproblem vieler Leistungsträger ist, dass sie schon von ihrer inneren Veranlagung her immer für alles und jeden erreichbar sein wollen. Technische Errungenschaften wie Smartphones können diese Disposition pathologisch verstärken." Der Facharzt für Psychiatrie und Psychosomatik hat schon viele Burnout-Patienten behandelt, die glaubten, ohne ihren Blackberry nicht mehr leben zu können.

Erste Unternehmen beginnen nun, ihre Mitarbeiter gezielt vor sich selbst zu schützen. So hat sich auch die Telekom jüngst in einer Selbstverpflichtung darauf geeinigt, dass es "außerhalb der Arbeitszeit grundsätzlich nicht erwartet werde, dass mobile Arbeitsmittel dienstlich benutzt werden". Mechthilde Maier, die Leiterin Group Diversity Management erläuterte in einem Spiegel-Online-Interview einen entsprechenden Vorstandsbeschluss dazu, dass Mitarbeiter – von Notfällen abgesehen – in ihrer freien Zeit keine E-Mails beantworten können und sollen.

Der größte Luxus: Ich bin dann mal weg!

War es früher eine Auszeichnung, ständig erreichbar sein zu müssen und damit scheinbar "unersetzlich" zu sein, ist es heute der größte Luxus, so erfolgreich zu sein, dass man es sich leisten kann, "offline" zu gehen – mitten hinein ins reale Leben.

Der ultimative Tipp

Und unser Tipp für die Weihnachtspost: Verschicken Sie keinesfalls eine Rundmail! Einer aktuellen Umfrage der Personalberatung Lab & Company zufolge freuen 86 Prozent der Manager sich vor allem über persönliche Weihnachtspost. "Unpersönliche Weihnachtskarten beweisen eindrucksvoll die entgegengebrachte Wertschätzung. Nämlich gar keine", warnt ein Umfrageteilnehmer, und auch E-Mail-Weihnachtskarten machen nur drei Prozent der Empfänger wirklich Freude.

Wir wünschen Ihnen eine gute und erfolgreiche Zeit!